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Sieg der Underdogs Die Wirtschaftswoche und die Unternehmensberatung A.T. Kearney haben Studenten der besten deutschen Business Schools gestestet. Seinen großen Tag hat Tabi Bude fast verschlafen. Bis drei Uhr morgens probten er und seine drei Mitstreiter von der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung Otto-Beisheim-Hochschule (WHU) in Vallendar bei Koblenz noch für ihren Auftritt. Den Wecker, der nur zweieinhalb Stunden später klingelte, haben alle überhört. Nur dem Taxifahrer, der die vier Studenten abholt und zum Köln-Bonner Flughafen bringt, verdanken sie, daß ihre Maschine nicht ohne sie abfliegt. Ihr Reiseziel: Berlin. Dorthin haben die Wirtschaftswoche und die Unternehmensberatung A. T. Kearney zum Finale des erstmals ausgetragenen Business-School-Wettbewerbs The Contest geladen. Eingeladen sind die jeweiligen Siegerteams der renommiertesten deutschen privaten Business Schools. An diesem Tag sollen sie sich mit ihren Kommilitonen aus den anderen Hochschulen messen. Unter möglichst realistischen Bedingungen müssen die Studenten eine Fallstudie abarbeiten und in die Rolle von Beratern schlüpfen. Ziel des außergewöhnlichen Projekts: Rückschlüsse über die Art und Qualität der Ausbildung an den beteiligten Business Schools gewinnen. Teilgenommen haben neben der WHU die European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel, die Private Universität Witten/Herdecke, die Handelshochschule Leipzig (HHL) und die Europäische Wirtschaftshochschule (EAP) in Berlin. Hinzu kommt als einzige staatliche Einrichtung die Fachhochschule Reutlingen, die mit ihrem Europäischen Studienprogramm für Betriebswirtschaft (ESB) ein vergleichbares Ausbildungskonzept entwickelt hat. Bude und seine Kollegen Sascha Israel, Jans Meckel und Maximilian Niederhofer haben sich in der Vorausscheidung gegen fünf andere WHU-Teams durchgesetzt. Ihr Sieg war eine Riesenüberraschung: Bude ist erst 23, seine Mitstreiter sind sogar noch ein bis zwei Jahre jünger. Alle sind noch ziemlich unerfahren, studieren erst im dritten Semester. Doch mit ihrer frischen Art und kompetenten Lösungsansätzen haben sie die überwiegend aus höheren Semestern bestehende hauseigene Konkurrenz hinter sich gelassen. Entsprechend hoch sind an der WHU die Erwartungen der Kommilitonen und Professoren. Und die wollen die vier nicht enttäuschen. Im eleganten A.T.-Kearney-Büro in der Berliner Charlottenstraße herrscht hektische Betriebsamkeit an diesem Samstagvormittag. Rund ein Dutzend Kearney-Berater haben sich zusammengefunden, um unter sechs qualifizierten Hochschulteams das allerbeste herauszupicken. Unter ihnen auch Sieghart Scheiter, Mitglied der Geschäftsleitung, und Peter Cordes, Vice-President von A.T. Kearney. Schon die Vorausscheidungen haben gezeigt, wie hoch das Niveau an diesen Hochschulen ist , bemerkt Nico Graf Kerssenbrock voller Vorfreude auf den Showdown der Besten. Zusammen mit seinem Kollegen Christian Oversohl hat der A.T.-Kearney-Berater vorwiegend in seiner Freizeit das Wettbewerbskonzept entwickelt und neun Monate lang den Wettbewerb koordiniert. Die Aufgabe: Eine mittelgroße amerikanische Bank mit dem Phantasienamen Infinity Bank will sich im Globalisierungswettlauf strategisch ganz neu aufstellen. Die Schwierigkeit: Es gilt nicht nur kreative Ideen zu entwickeln, sondern auch interne Widerstände bei den Mitarbeitern zu brechen. Hinzu kommt im Finale eine Überraschungsaufgabe: Eine Stunde vor ihrer Präsentation bekommen die Teams die Order, eine Lösung für die Auslagerung der internen Verwaltungsabläufe zu erarbeiten. In der Tat haben schon in der Vorrunde die meisten der insgesamt 53 drei- bis vierköpfigen Teams, die an den Start gingen, erstaunliche Qualitäten in puncto Kreativität, Analysefähigkeit und Präsentationstechnik bewiesen. Damals galt es für die Studenten noch, durch Gespräche mit fiktiven Bankmanagern Schwächen aufzudecken und Verbesserungspotentiale zu ermitteln. Innerhalb von Stunden mußten sie eine Strategie entwickeln und am nächsten Morgen präsentieren. Zwei Wochen sind seitdem vergangen. Heute sind keine Schnellschüsse mehr gefragt. Eine sorgfältig überarbeitete Strategie soll überzeugend präsentiert werden. Außerdem gilt es für die Teams, einen fundiert ausgearbeiteten Plan vorzulegen, wie das Vorhaben konkret umgesetzt werden kann. Ziel: durch einen professionell aufgezogenen Vortrag den gesamten Bankvorstand einschließlich der betroffenen Regionalleiter zu überzeugen und so den Zuschlag für das Projekt zu erhalten. Inzwischen sind alle Finalisten eingetroffen, insgesamt 23 Studenten, die sich auf die sechs qualifizierten Hochschulteams verteilen. Die Jungs von der Koblenzer WHU sehen ein wenig verschlafen aus, doch sie scheinen die Strapazen der vergangenen 24 Stunden locker wegzustecken. In ihrem Alter hält man ja noch was aus. Es ist ein Wahnsinn, daß wir uns als Drittsemester für das Finale qualifiziert haben , freut sich Bude. Wir sind hier die absoluten Underdogs.
Wie im richtigen Beraterleben müssen die Studenten auch mit unterschiedlichen Interessen innerhalb der Kundenjury klarkommen. So hat etwa der Leiter des Argentinien-Geschäfts bei jeder Strukturreform eine Beschneidung seiner Kompetenzen zu befürchten und wehrt sich deshalb mit Händen und Füßen gegen alle gutgemeinten Vorschläge: Was soll das bringen? Außerdem ist es in der Praxis undurchführbar. Neben aller fachlichen Kompetenz der Kandidaten ist auch eine Menge Fingerspitzengefühl nötig, wenn zur Sprache gebracht wird, daß eine Bündelung der Verantwortung auf die Zentrale große Synergieeffekte mit sich brächte. Die ganze Zeit über beobachten die Kearney-Leute die Studenten genau, registrieren wohlwollend, wenn diese geschickt und kenntnisreich auf ihre Einwände reagieren, halten aber auch schonungslos jede Schwäche fest und strafen die Teams mit Maluspunkten in ihren Bewertungsbögen ab. Obwohl alle Teams dieselbe Aufgabe gestellt bekommen haben, sind die Lösungsansätze sehr verschieden. Unterschiedliche Lehr- und Lernkulturen der einzelnen Hochschulen prägen sich aus: Die meisten legen den Schwerpunkt auf die Präsentation, andere versuchen, ihren Juroren durch besonders kreative Ansätze zu imponieren. Qualitativ treten dabei große Unterschiede zutage. Wer sich, wie die Vertreter der Leipziger HHL, anfangs allzu selbstsicher gibt, findet sich nach den ersten kritischen Fragen schnell auf dem Boden der Tatsachen: Mir fehlen konkrete Zahlen , moniert Vorstandsvorsitzender Cliff Barnes alias Sieghart Scheiter. Eine Antwort bleiben die Leipziger schuldig. Andere, wie das Team aus Witten/Herdecke, leiden eher unter fehlendem Selbstbewußtsein. Sie lesen ihren gesamten Vortrag vom Handzettel ab, auf Rückfragen reagieren sie verunsichert: In der Vorrunde waren die wesentlich besser , wundert sich Kearney-Berater Oversohl unmittelbar nach dem Auftritt. Die waren wohl nervös. Später verrät er, daß die Ursachen für ihre Schwierigkeiten wohl tiefer liegen. Die Defizite der Witten/Herdecker in der Präsentationstechnik sind für uns nicht neu , kritisiert der Berater. Die stellen wir auch häufig bei Bewerbern vom Reutlinger ESB fest. Doch Oversohl hat andererseits besondere Stärken dieser beiden Hochschulen ausgemacht. Was Kreativität und die Erarbeitung neuer, origineller Ansätze angeht, haben sie oft die Nase vorn. Eine Erwartung, die das ESB-Team voll erfüllen kann, ohne Schwächen bei der Präsentation erkennen zu lassen: Die hatten sehr schöne Marketingkonzepte und haben sie auch klar strukturiert vorgetragen , lobt Kearney-Manager Scheiter. Am Ende jedoch mangelt es an der Umsetzung der zahlreichen Vorschläge. Am fehlenden Implementierungsplan scheitern letztlich auch die Vertreter der Berliner EAP, obwohl sie sehr viele Fakten geschickt präsentiert haben , wie Scheiter anerkennt. Das einzige weiblich besetzte Team von der EBS aus Oestrich-Winkel glänzt mit der brillantesten Analyse und den beeindruckendsten Zahlen. Dennoch tun sich auch die drei Damen schwer damit, eine überzeugende Botschaft für die Umsetzung ihrer Strategie zu vermitteln. Ein Makel, der den insgesamt positiven Eindruck ihres Auftritts trübt. Als letzte sind die WHU-Studenten an der Reihe. Sie gehen ihre Präsentation ganz unbekümmert an. Zunächst faßt Tabi Bude die vor 14 Tagen vorgestellte Strategie noch einmal zusammen. Er vergleicht die Ist-Zahlen mit den Ziel-Kennziffern, die sie erreichen wollen, und arbeitet die erheblichen Einsparpotentiale ihrer Lösung heraus: Die Kostenvorteile können wir zu großen Teilen unseren Kunden zurückgeben , argumentiert Bude überzeugend. Dadurch erzielen wir enorme Wettbewerbsvorteile. Dann präsentiert Sascha Israel den sorgfältig ausgearbeiteten Implementierungsplan, angelegt auf fünf Jahre: Das wichtigste ist es, die Zahl der Verwaltungseinheiten zu reduzieren , fordert Israel. Wie ein abgebrühter Sanierer empfiehlt der 21jährige dem Vorstand der Bank radikale, aber notwendige Maßnahmen etwa die Entlassung unproduktiver Mitarbeiter. Für die übrigen rät er zur Einführung eines attraktiven Bonussystems: Auf diese Weise schöpfen Sie deren Leistungsfähigkeit stärker aus. Die Einwände der Banker ( Es läuft doch alles bestens ) werden überzeugend widerlegt: Sie müssen sich weiterentwickeln. Stillstand ist tödlich , mahnt Maximilian Niederhofer. Und Jans Meckel scherzt am Schluß: Wenn wir den Zuschlag bekommen, kaufe ich morgen eine Million Infinity-Aktien. Die waren richtig gut , lautet der fast einhellige Tenor, als die vier den Raum verlassen haben. Bei allen Zwischenfragen haben sie glänzend die Kurve gekriegt. Sie sind auf die Sprachprobleme zwischen den einzelnen Ländern der Region eingegangen und haben ein vernünftiges Konzept für das Outsourcing der Verwaltung präsentiert , faßt Oversohl zusammen. Scheiter allerdings moniert: Die haben mir zu wenig harte Zahlen auf den Tisch gelegt. Ein Schönheitsfehler. Denn für die Mehrheit der Juroren steht fest: Soeben haben sie das Siegerteam gesehen das Beste der Besten: Insgesamt wurde der positive Eindruck aus den Vorausscheidungen heute voll bestätigt , urteilt Kerssenbrock. Ortswechsel. Die Siegerehrung soll in gebührendem Rahmen erfolgen: Gegen 20.00 Uhr finden sich Berater und Studenten im Restaurant Maxwell ein. Champagner wird serviert. Dann ruft Juror Scheiter den Gesamtsieger aus. Die WHU-Jungs fallen sich in die Arme. Sie sind offenbar von der Entscheidung am meisten überrascht. Ich hätte nie gedacht, daß wir hier gegen so gute Leute eine Chance haben , jubelt der überglückliche Bude. Er und seine Mitstreiter haben ein Wochenende in einer internationalen Metropole gewonnen. Außerdem bekommen alle 23 Finalisten ein Jahresabonnement der Wirtschaftswoche. Was aber noch mehr zählt: Sie haben einen unvergeßlichen Tag erlebt, viel über das Beratungsgeschäft und über sich selbst gelernt und ihrer Karriere auf die Sprünge geholfen. Und alle sind sich einig: Im nächsten Jahr findet The Contest wieder statt. Autor: Wolff, Sebastian Foto: Tabi Bude |
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